Montag, 16. November 2009
Im Mittelalter ging man hart zur Sache, das ist bekannt. Auf dem Schlachtfeld und im täglichen Leben durfte man nicht zimperlich sein, wenn man am Leben bleiben wollte. Aber auch bei Ritterturnieren, die anlässlich besonderer Ereignisse ausgetragen wurden, kämpfte man häufig auf Leben und Tod!
Das Maul des schwarzen Hengstes ist voller Geifer, er schnaubt, die Augen sind weit aufgerissen und in jeder hektischen Bewegung lässt sich die Ruhelosigkeit des Tieres erkennen. Im Gegensatz dazu wirkt der Ritter auf dem Rücken des Tieres einigermaßen entspannt. Zumindest rein äußerlich, denn die starre, silbern glänzende Rüstung verleiht ihm ein steifes, eher unaufgeregtes Erscheinungsbild. Nur in seinen Augen lässt sich durch das schmale Helmgitter hindurch so etwas wie Anspannung erkennen, dennoch hat er seinen Gegner bereits unablässig im Blick, beobachtet ihn, sucht Schwachstellen in der Rüstung des Kontrahenten. Er prescht nach vorne, drückt die Lanze unter dem Arm noch etwas fester an den Körper. Mit rasender Geschwindigkeit nähern sich die Wettstreiter, die Lanzen drohend gegeneinander gerichtet. Ein heftiger Knall! Einer der beiden Kontrahenten wird aus dem Sattel geschleudert, tödlich getroffen fällt er zu Boden…
Im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen
So oder so ähnlich werden die Duelle zweier berittener Krieger beim Tjost, dem sogenannten Lanzenstechen, gerne dargestellt. Aber wie gefährlich war das Tjosten tatsächlich? Immerhin wurde bereits 1292 das Statutum Armorum erlassen, wonach u.a. Lanzen stumpf zu sein hatten und vom Pferd gefallene Gegner nicht weiter attackiert werden durften. Schließlich verboten einige Fürsten und sogar der Papst zeitweise das Tjosten. So gab es nicht nur unterschiedliche Formen des Tjostens, sondern sogar Entwicklungen im Bereich der Rüstungen, die ausschließlich für diese Form des berittenen Zweikampfs gedacht waren und auf dem Schlachtfeld nie zum Einsatz gekommen sind. Dr. Tobias Capwell, Kurator für Waffen und Rüstungen im Dienste der Londoner Wallace Collection, und sein Kollege, Archäometallurg Alan Williams, haben sich dieser Frage wissenschaftlich genähert, historische Rüstungen untersucht, Experimente duchgeführt und Berechnungen angestellt.
Die Ergebnisse sind verblüffend. So ergaben die Tests, bei denen aus vollem Galopp mit einer Lanze ein schwingendes Pendel getroffen werden musste um die Aufprallenergie zu messen, dass selbst moderne Sicherheitswesten dieser Wucht nicht gewachsen wären. Insbesondere die Verwendung eines Rüsthakens, einer Vorrichtung, mit der die bis zu 4,5 Meter lange und 10 bis 15 Kilogramm schwere Lanze stabiler und leichter an der Rüstung gehalten werden konnte, erwies sich als effektiv. Mit Rüsthaken erreichte Capwell maximal 208 Joule, im Durchschnitt 140. Zum Vergleich: Eine Pistole der Marke Walther Modell P99 erreicht etwa 490 Joule. Ohne Rüsthaken lag der Schnitt “nur” noch bei 103 Joule. Da der Maximalwert für den Stichschutz moderner Sicherheitswesten bei 100 Joule liegt, sind tödliche Verletzungen möglich, zumindest ernsthafte aber sehr gewiss.
Ein prominentes Opfer des Tjostens war z.B. der französische König Heinrich II., dem ein Splitter des zerbrochenen Lanzenstumpfes von Gabriel de Lorges, Graf von Montgomery, das Visier durchbohrte und durch das Auge ins Gehirn eindrang. Auch der für seine Kampfkünste gefürchtete Sir Robert Morley erlag wohl seinen inneren Verletzungen – und starb nicht vor Scham, wie es der englische Schriftsteller und Historiker Raphael Holinshed schrieb. Denn selbst beim Plankengestech, bei dem eine Barriere zwischen den Reitern verheerende Zusammenstöße der Pferde verhinderte, saß der Tod immer mit den Duellanten im Sattel!
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