Dienstag, 2. Februar 2010
Avast ye Mateys! Allein ein Blick in unseren Shop reicht aus, um sich ein Bild davon zu machen, welche klassischen Stereotypen ein Piratenkostüm bedient – und wie vielfältig es dennoch ausgearbeitet sein kann.
Folgende Dinge reichen völlig aus, und man wird von Menschen aller Altersstufen als Pirat wahrgenommen: eine Augenklappe, ein Dreispitz, ein weites Hemd und ein schalartiger, oftmals sehr roter Gürtel um den Bauch. Alternativ tut es auch ein nackter Oberkörper plus Kopftuch und als Ergänzung noch Vollbart, Säbel, Holzbein, Äffchen oder Papagei, sowie ein Metallhaken als Handersatz – fertig ist das perfekte Piratenkostüm. Edlere und umfangreichere Kostümierungen – vor allem bei Re-Enactments sehr beliebt – werden mit Renaissance-Mänteln und -Westen, Kniehosen und Schnallenschuhen aufgepeppt, denn als Piratenkapitän will man schließlich etwas hermachen. Doch Piraten gibt es weltweit schon seit Menschengedenken und zu jeder Epoche – warum also haben wir nur ein relativ eng gefasstes Bild vom “typischen Seeräuber”? Daniel Defoe und Robert Louis Stevenson sind schuld! Doch fangen wir mal von vorne an…
Im frühen Altertum galt die Seeräuberei noch als eine legitime Art, den eigenen Reichtum zu mehren. Allein das Mittelmeer war über die Jahrtausende ein Quell der einträglichen Altersvorsorge. Vom sogenannten “Seevölkersturm” gegen Ägypten um 1200 v. Chr. bis zu den Korsaren der frühen Neuzeit lebten dort mitunter ganze Völker vom “Seehandel mit der Waffe”: Anfangs die Phokaier, Illyrer und Kilikier, dann Vandalen und sogar Wikinger, später bildeten die Barbareskenstaaten den krönenden Abschluss. Auch anderswo wurde geentert und geplündert: in Nord- und Ostsee erschwerten die Vitalienbrüder oder Likedeeler (“Gleichteiler”) den Hanse-Handel des Späten Mittelalters (siehe unter anderem der deutsche Kinofilm “12 Meter ohne Kopf”) und das Chinesische Meer wurde vom 13. bis hinein ins 18. Jahrhundert vom mächtigen Piratenbund der Wōkòu beherrscht (auf dem Höhepunkt ihrer Macht mit über 1.000 Schiffen und 150.000 Piraten). Doch wenn wir in populärer Kultur und in Sachen Piratenkostüm von Seeräubern sprechen, dann meinen wir die Piraten, Freibeuter und Bukaniere die im 17. und 18. Jahrhundert in Karibik, Atlantik und dem Indischen Ozean kreuzten. Das sogenannte “Goldene Zeitalter“, auf das sich 99 Prozent aller Piratenfilme berufen, ist ein eher kurzer Zeitraum von nicht einmal 50 Jahren, der sich grob von 1690 bis 1730 spannte. Doch diese Zeit lieferte mehr als genügend Stoff für Mythen, Legenden und unzählige Geschichten. Von Kostümen und Verkleidungen ganz zu schweigen.
Den Grundstein für das “Goldene Zeitalter” lieferte das Kaperwesen der europäischen Großmächte seit dem 16. Jahrhundert. Die staatliche Seeräuberei wurde für ausgewählte Kapitäne mit einem Freibrief legitimiert, um die Handelswege anderer Nationen empfindlich zu stören – ob nun gerade Krieg war oder nicht. Der Freibeuter im Namen Ihrer Majestät, Sir Francis Drake, ist hierfür ein herausragendes Beispiel. Die Niederländische Westindien-Kompanie wurde 1621 sogar zu dem Geschäftszweck von Überfällen auf die spanische Silberflotte gegründet. Ähnlich wie die Freibeuter waren in der Karibik die Bukaniere (z. B. Henry Morgan, William Dampier) zwischen Tortuga und Port Royal im Auftrag von Gouverneuren und Aktiengesellschaften unterwegs. Doch um 1690 wechselten die europäischen Nationen ihre Politik und den Bukanieren wurde die offizielle Unterstützung versagt. „Kein Grund zum Verzagen”, sagten sich darauf die meisten Seeleute, und wechselten in die offene Piraterie. Die verschiedenen “Bruderschaften” und losen Gruppierungen boten in dieser Zeit eine attraktive Alternative zu den mitunter unmenschlichen Bedingungen auf konventionellen Kriegs- und Handelsschiffen. Denn die Piratengesellschaften versprachen nicht nur die Aussicht auf reiche Beute, sondern waren eine freie, multinationale und klassenlose Gesellschaft mit annähernd demokratischen Zügen!
Piraten-Bruderschaften waren beileibe keine utopischen Sozialorganisationen und es gab auch keinen einheitlichen “Codex” wie im Film “Fluch der Karibik”. Dennoch ging es den Seemännern hier deutlich besser als auf anderen Schiffen. Und sie konnten mitreden: Die Mannschaft wählte ihren Kapitän und ihre Offiziere – und wählte sie bei Missfallen auch wieder ab (z. B. Charles Vane, weil er sich weigerte ein bestimmtes Schiff zu kapern oder Edward England, weil er zu sehr Gentleman war). Sie bildeten einen Mannschaftsrat, die Beute wurde gleichmäßig an alle verteilt, es gab ein eigenes Strafrecht und sogar eine Härtefallregelung wurde im Rahmen eines zuvor unterzeichneten Vertrags (“Chasse Partie”) geregelt: So hatte jeder Verwundete noch sechs Wochen nach Ende der Fahrt Anspruch auf Behandlung und es gab beispielsweise 100 Piaster für ein verlorenes Ohr und 1.500 Piaster für den Verlust beider Beine. Doch nur in den wenigsten Fällen erbeuteten die Piratenschiffe Truhen voller Gold, Silber und Diamanten und noch sehr viel seltener wurden diese dann auf irgendwelchen Palmeninseln aus nicht nachvollziehbaren Gründen verbuddelt (vielmehr wurde eine andere Klischee-Erfüllung groß geschrieben und die Beute in kürzester Zeit verprasst). Die bei weitem häufigsten Opfer von Blackbeard, Calico Jack Rackham, William Kidd & Co. waren Handelsschiffe, die kostbare Güter wie Tabak, Gewürze, Baumwolle und Stoffe transportierten. Und damit erklärt sich auch die mitunter exotische Kleidung der Piraten…
Der berühmte Pirat Bartholomew Roberts wird von einem Zeitgenossen folgendermaßen beschrieben: “Er trug eine Weste aus purpurrotem Damast und Kniehosen, eine rote Feder in seinem Hut und eine Goldkette um den Hals, an dem ein diamantbesetztes Kreuz hing”. Das entspricht deutlich unserem klassischen Bild eines Piratenkostüms und war sicherlich sehr schick anzusehen, spiegelt aber auch letzten Endes die Mode der damaligen Zeit wider. Kniehosen, lange Westen mit breitem Aufschlag und Manschetten, edle Schnallenschuhe und eine auffällige Kopfbedeckung waren in der Oberschicht quasi en vogue. Die Mehrheit der Piraten bestand jedoch aus stinknormalen Seemännern mit lediglich etwas zweifelhafter Berufung. Das heißt, sie kleideten sich entsprechend praktischer Erwägungen. Als Kopfbedeckung gilt der berühmte Dreispitz historisch als gesichert, wenn er auch von der einfachen Mannschaft in einer schmaleren Ausführung benutzt wurde. Häufiger waren breitkrempige Hüte, gestrickte Mützen und auch Kopftücher, die den Zweck hatten, Schweiß aufzusaugen. Weite Baumwollhemden und eng anliegende, kürzere Jacken bedeckten – wenn überhaupt – den Oberkörper. Auch gehörten sie zu den ersten, die weite, knöchellange Hosen trugen, die vorne mit Knöpfen geschlossen wurden. In Sachen farblicher Gestaltung der Kleidung gab es hingegen so gut wie keine Grenzen, schließlich konnten sie ja mitunter auf eine reiche Stoffausbeute zurückgreifen. Halstücher erfreuten sich unter Piraten ebenfalls großer Beliebtheit (an Deck und in den Wanten war es meist sehr zugig), doch die breiten Schärpen um die Hüfte oder quer über die Schulter sind reine Hollywood-Fantasie. Diese wurden von Marine-Offizieren getragen, waren aber an Bord denkbar unpraktisch und sind für Piraten faktisch nicht nachweisbar. Wahrscheinlich machte ein knackig rotes Tuch um Errol Flynns Hüften einen tollen Eindruck in Technicolor, aber das war’s dann auch schon.
Dafür entsprechen wiederum andere Klischees den tatsächlichen Begebenheiten. Auch wenn die Piratenkluft sehr farbenfroh und exotisch wirken konnte, so war sie meistens doch sehr in Mitleidenschaft gezogen. Man muss bedenken, dass die Seemänner mitunter Wochen auf dem Schiff zubrachten, ohne auch nur eine Möglichkeit, sich vernünftig zu waschen. Zerrissene, abgetragene Kleidung, wuchernde Bärte, verlauste Dreadlocks, schmutzige Gesichter und ein sicherlich gnadenloser Gestank gehörten zum Alltag an Deck. Ordentliche Rationen Rum waren generell Usus in der Seefahrt und der Zeitvertreib mit geschmuggelten Tieren wie Affen und Papageien kam auf vielen Schiffen vor. Selbst die Erblindung auf einem Auge (und damit einhergehend die charakteristische Augenklappe) war nicht ungewöhnlich. Sie rührt weniger von Kämpfen, als von der Verwendung des Jakobsstabs her: Mit diesem Vorläufer des Sextanten wurden Winkelmessungen vorgenommen und dabei mitunter die Sonne angepeilt. Ergo macht häufige Benutzung blind.

Ob nun Karneval, Comic oder Kinofilm, das Goldene Zeitalter der Piraten lebt in unseren Köpfen fort – und das (mehr oder weniger) ungebrochen seit 1719! In dem Jahr veröffentlichte Daniel Defoe den ersten englischen Roman “Robinson Crusoe”, in dem erstmalig Piraten literarisch verarbeitet wurden. 1724 erschien dann “Eine allgemeine Geschichte der Räubereien und Morde der berüchtigsten Piraten” von einem gewissen Captain Charles Johnson. Hierin werden Gerichtsakten der Admiralität, Logbücher und einige Befragungen mit einem guten Quentchen Fiktion vermischt und – nicht ohne Begeisterung – von den Taten der bekanntesten Piraten wie Teach, Every, Bonnet, Low und Braziliano berichtet. Das Buch wurde Skandal und Welterfolg gleichermaßen und ist bis heute noch Quell der meisten Stereotypen des Seeräubertums und somit auch der Piratenkostüme. Es wird mittlerweile davon ausgegangen, dass Captain Johnson ein Pseudonym von Daniel Defoe war. Bis zum Beginn des Kinozeitalters erschienen basierend auf diesem Buch unzählige Romane und Texte, die fortan zur Legendenbildung und Verklärung der Piraten beitrugen, am markantesten sicherlich Robert Louis Stevensons “Die Schatzinsel” von 1881. Den begleitenden Buchillustrationen von Georges Roux, Howard Pyle und N.C. Wyeth verdanken wir zudem eine anschauliche Sammlung an Piratenbildern, die auch als Vorlage für das bis heute kaum abgewandelte Piratenkostüm gedient haben.
Mit dem bewegten Bild kamen auch sofort die Piraten in ruckelnde Bewegung. Eine der ersten Verfilmungen der “Schatzinsel” ist bereits auf das Jahr 1912 datiert, der erste kommerziell erfolgreiche Piratenfilm war “Der schwarze Pirat” mit Douglas Fairbanks von 1926. Die große Phase des Genres wurde mit dem Oscar-prämierten Film “Der Seeräuber” 1943 eingeläutet und Errol Flynn war nicht ganz unschuldig daran, dass diese noch mindestens für die nächsten zehn Jahre gesteigert werden konnte. Allein 1953 wurden über zehn Piratenfilme für das Kino produziert – ein Hype, an den erst Gore Verbinskis “Pirates Of The Caribbean”-Reihe mit Johnny Depp anknüpfen konnte. Zwischenzeitlich gab es noch beliebte Genre-Überschneidungen wie “Pippi in Taka-Tuka-Land” (1970), die ZDF-Weihnachtsserie “Jack Holborn” (1982) und Parodien wie u.a. “Käpt’n Blackbeards Spuk-Kaschemme” (1968) oder Roman Polanskis “Piraten” (1986). Doch nach zahlreichen Billigproduktionen konnte sich in den 80ern und 90ern offenbar niemand mehr so recht für seefahrende und brandschatzende Haudegen erwärmen. Der absolute Niedergang wurde mit “Die Piratenbraut” von 1995 mit Geena Davis eingeläutet, der im Guinness-Buch als der größte kommerzielle Flop der Filmgeschichte gelistet wird. So wurde die Idee anfangs auch sehr kritisch beäugt, einen 140 Millionen Dollar teuren Piratenfilm zu drehen, der zudem noch auf einer Attraktion aus einem Disney-Freizeitpark basiert. Nun ja, irgendwas muss Verbinski richtig gemacht haben, denn ein Einspielergebnis von 654 Millionen Dollar, fünf Oscar-Nominierungen und zwei weitere Fortsetzungen sprechen eine deutliche Sprache: Die Piraten sind wieder da – und mit ihnen auch das Piratenkostüm! Ein Ende ist so schnell jedenfalls nicht in Sicht, denn die Realisierung eines vierten Teils von “Pirates Of The Caribbean” namens “On Stranger Tides” läuft bereits an und ist für 2011 geplant. Grundlage für die Story ist übrigens das Buch “In fremderen Gezeiten” von Tim Powers, das bereits Grundlage für das Computerspiel “Monkey Island” war. Zudem hat Steven Spielberg angekündigt, er werde Michael Crichtons gerade erschienenes, posthumes Buch “Gold – Pirate Latitudes” verfilmen. Arrr, das kann ja nur gut werden!




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