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Montag, 8. Februar 2010
Sie sind allgegenwärtig und begleiten die meisten Menschen ihr Leben lang: Märchen. Längst sind sie der abendlichen Gute-Nacht-Geschichte und den engen Buchdeckeln entflohen. Sie tummeln sich in Filmen, Cartoons, Theaterstücken und in der Werbung. Beim Karneval stehen Märchenkostüme bei Jung und Alt hoch im Kurs und ihre Namen finden sich auf zahlreichen Produkten im Supermarkt. Märchen gehören so sehr zu unserem kulturellen Erbe, dass selbst Menschen, die nie ein Märchenbuch in der Hand hatten, Sätze wie „Großmutter, warum hast du so große Zähne?“ oder „Spieglein, Spieglein an der Wand. Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ treffsicher dem richtigen Märchen zuordnen können. Dass Märchen in unserem Breitengrad so populär geworden sind, ist vor allem den Brüdern Grimm zu verdanken, die viele der bekannten Märchen sammelten, in eine ansprechende Form brachten und für die Nachwelt archivierten. Sogar so sehr, dass viele Menschen glauben, die Brüder Grimm sind die Urheber dieser zeitlos anmutenden Geschichten von sprechenden Fröschen und schlafenden Prinzessinnen. Aber woher stammen die Märchen tatsächlich? Sind sie unterhaltsame Geschichten oder Echos uralter archaischer Bräuche? Haben die Brüder Grimm sie erfunden? Und wollen Märchen uns etwas lehren? Einen Großteil dieser Fragen wollen wir, so gut wie es geht, in dem nachfolgenden Artikel beantworten. Zuerst stellt sich aber die Frage:
Und das ist gar nicht so einfach zu beantworten, wie man im ersten Moment vielleicht denkt. Denn Märchen sind nicht so leicht zu fassen. Der Begriff selbst stammt ursprünglich von “Märlein/Mär” (mündlich Kunde, Bericht, Erzählung, Gerücht) und bezeichnet eine kurze Erzählung mit einem Hang zur Unwahrheit und zum Erfundenen.
Der Begriff Märchen ist jedoch recht ungenau, schon weil es einen ähnlichen Begriff, der eine ganz bestimmte Art von Erzählung meint, in anderssprachigen Ländern gar nicht gibt. Dort existieren meist wesentlich speziellere oder viel allgemeinere Begriffe (z.B. im Englischen: “Fairy tale”). Deswegen ist man dazu übergegangen, den durch die Brüder Grimm international bekannt gewordenen Begriff Märchen auch weltweit zu benutzen. Aber auch im Deutschen ist die Vielfalt der Erzählungen, die sich unter dem Oberbegriff Märchen tummeln, so groß und die Grenzen in andere Bereiche so fließend, dass sich Märchenforscher (ja, das gibt es wirklich) auf einen Begriff wie „Eigentliche Märchen“ geeinigt haben. Das meint sozusagen die märchenhaftesten Märchen. Diese definieren sich vor allem über die Abgrenzung zu verwandten Gattungen wie der Sage, der Legende, der Fabel, dem Schwank und dem Mythos. Außerdem treffen auf sie meist folgende Merkmale zu:
1. Sie haben einen klaren, einfachen Aufbau und laufen oft in mehreren Episoden ab (im Gegensatz z.B. zum Kunstmärchen)
2. Sie zeichnen sich durch eine verspielte Leichtigkeit aus (im Gegensatz z.B. zur Sage)
3. Der belehrende Moment spielt, wenn überhaupt, nur eine geringe Rolle (im Gegensatz z.B. zur Fabel)
4. Es herrscht ein selbstverständliches Nebeneinander von Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit (im Gegensatz z.B. zum realistischen Roman)
Besonders Punkt 3 wird viele überraschen, die von “Rotkäppchen“ und “Der Wolf und die sieben Geißlein“ ausgehend glauben, dass Märchen vor allem dazu da sind, kleinen Kindern eine nützliche Anzahl von Verhaltensregeln mit auf den Lebensweg zu geben. Bei den meisten Märchen ist das aber eher weniger der Fall. Auch mit dem Begriff Märchen eng verknüpft erscheinende Begriffswendungen wie „Es war einmal …“ oder „… lebten glücklich bis an ihr Ende“ sind zwar durchaus nicht untypisch, kommen aber weniger oft vor, als man gemeinhin glaubt. Außerdem machen ein Anfangssatz und eine Endphrase noch kein Märchen.
Neben den richtigen Märchen existieren natürlich noch die sogenannten Kunstmärchen, welche von einem Dichter erdacht wurden und deren Entstehungszeitpunkt genau bestimmt werden kann. Die wohl berühmtesten Vertreter dieser Gattung sind die Märchen von Hans Christian Andersen.
So ungenau wie der Definitionsversuch scheint, kann man speziell für das europäische Märchen doch eine Anzahl von feststehenden und typischen Merkmalen ausmachen. Held (oder Heldin) ist meist ein ganz normaler Mensch, der sich zu Beginn des Märchens einer Schwierigkeit ausgesetzt sieht, die es zu bewältigen gilt. Das ist oftmals eine Notlage (z.B. kein Brot), eine gestellte Aufgabe (z.B. Stroh zu Gold spinnen) oder ein Bedürfnis (z.B. das Gruseln zu erlernen). Um sein Ziel zu erreichen, kann der Held dabei alle existenziellen Facetten des Lebens wie z.B. Kampf, Tod, Sex, Schädigung, Heilung, Hilfe und Intrigen durchleben. Außerdem kommt er mit einer Vielzahl von jenseitigen Figuren und Mächten in Berührung (z.B. Zauberer, Hexen, Teufel). Der Held selbst ist oft ein isolierter Außenseiter, was durch extreme Äußerlichkeiten (hässlich/schön) oder Eigenschaften (dumm/schlau) noch einmal hervorgehoben wird. Um ihn herum schart sich eine Anzahl von Figuren, welche die Handlung bestimmen und vorantreiben, wie z.B. Auftraggeber, Helfer, Unhelden (z.B. erfolglose Brüder), vom Held eroberte Personen und Gegenstände. Dabei ist er meist nur passiver Spielball und Werkzeug der Geschichte und auftretenden Figuren (z.B. Feen, sprechende Tiere) und Episoden bestimmen sein Handeln.
Da die Handlung im Mittelpunkt des Märchens steht, wird der Held nur mit den für die Geschichte notwendigen Eigenschaften ausgestattet. Auch auftretende Personen werden oft ohne Namen und nur mit ihrer Grundfunktion oder ihrem Rang benannt (z.B. Prinzessin, König). Tiefergehende Beschreibung oder Charakterisierung gibt es nicht. (Aus diesem Grund konnte das Märchenkostüm von Schneewittchen aus dem Zeichentrickfilm so erfolgreich die Vorstellung von Schneewittchen prägen). Die den Personen zugewiesenen Eigenschaften sollen sie scharf voneinander abgrenzen (gut – böse; schön – hässlich). Darin spiegelt sich auch die “Vorliebe“ des Märchens für starke Kontraste: Es gibt nur die Wahl zwischen Tod oder dem halben Königreich. Veränderungen erfolgen schlagartig durch Wunder und nicht durch stetiges Erarbeiten. Die Handlung schreitet ohne Schlenker voran, Nebenschauplätze gibt es nicht. Dabei zeichnet sich das Märchen durch eine starke Formelhaftigkeit und der Neigung zur Wiederholung – oft in Verbindung mit der Zahl 3 – aus.
Es ist schon schwer genug zu sagen, was genau ein Märchen ist. Noch schwieriger wird es, wenn man wissen will, wo und wann die Wurzeln “unserer“ Märchen liegen. Den Ursprung vieler Texte kann man oft gut und genau bestimmen (Grimm, Perrault etc.), aber wenn man die Quelle des dahinter stehenden Erzählkerns sucht, wird es schon wesentlich schwieriger. So ein Erzählkern oder Märchenmotiv wäre z.B bei Dornröschen der Zauberschlaf (bzw. der Scheintod einer jungen Frau). Wie die Prinzessin heißt und wie lange sie schläft ist dabei unerheblich und variiert von Epoche zu Epoche. Will man den Ursprung eines Märchens erforschen, muss man also nach dem Ursprung des Märchenmotivs suchen. Im Laufe der Zeit wurden dazu verschieden Theorien aufgestellt.
Die Brüder Grimm waren die ersten, welche eine Ursprungstheorie für Märchen entwickelten. Diese ist ganz von ihrer Idealvorstellung des Märchens im romantischen Sinne geprägt. Danach entspringen alle Märchen demselben Ursprungsherd. Bei diesem handelt es sich um einen nicht näher definierten Ursprungsmythos – einer Art Uroffenbarung. Und die Märchen sind die von den Völkern verbreiteten und veränderten Bruchstücke dieses Urmythos. Quasi ein erzählerisches Echo vom Urknall der Menschheit. Demnach gibt es auch keine Erzeuger oder Erfinder, sondern die Märchen „dichteten sich selbst“ aus einem „großen, unschuldigen, unbewussten Volksglauben”. Als eigentlichen Verbreitungsraum und Heimat der Märchen sahen sie die indogermanischen Völker an.
Schon zu ihren Lebzeiten ist diese Theorie nur schwer zu halten, da durch die einsetzende, rege Sammelleidenschaft eine immer größer werdende Anzahl sich ähnelnder Märchenmotive – auch aus dem nichtindogermanischen Raum – auftaucht.
Im Jahr 1859 stellt Theodor Benfey im Vorwort seiner Übersetzung der indischen Erzählsammlung “Pantscha Tantra“ die Theorie auf, dass ein Großteil des europäischen Märchens aus abgewandelten indischen Märchen besteht. Deswegen sei der Ursprung des Märchens in Indien zu suchen. Allein die Erfindung der Tiermärchen gesteht er den Griechen zu. Die Verbreitung der Märchen erfolgt per Wanderung durch anhaltende kriegerische Auseinandersetzung mit arabischen und islamischen Mächten und durch die lange und wechselhafte Herrschaft der Mongolen im europäischen Raum. Auch die Juden tragen als Kulturträger einen großen Teil bei. Genauso wie erste literarische Sammelwerke, wie etwa Straparolas “Die ergötzlichen Nächte“.
Die indische Theorie ist lange Zeit sehr populär. Bis die große Zahl der gesammelten Märchen der Naturvölker und zahlreiche Übereinstimmungen die Theorie ins Wanken bringen. Warum auch soll ein Volk die Fähigkeit zur Erfindung von Märchen quasi für sich gepachtet haben? Wieso sollen die Griechen in der Lage gewesen sein, die Tiermärchen zu ersinnen, aber nicht fähig zur Entwicklung andersartiger Märchenmotive? Zusätzlich kommt man zu der Erkenntnis, dass der Ort der ersten schriftlichen Fixierung nicht unbedingt auch der Entstehungsort sein muss. Zumal bei Ausgrabungen in Ägypten und Babylon deutlich ältere Erzählungen mit märchenhaften Charakteren auftauchen, welche teilweise auffallende Parallelen zu bereits bekannten Märchenmotiven aufweisen (z.B. “Anup & Bata”).
Vom Schwächeln und den Widersprüchen der indischen, literaturhistorischen Sicht ausgehend, wird aus England eine anthropologische Theorie entgegengesetzt. (Anthropologie: Wissenschaft vom Menschen und seiner Entwicklung in natur- und geisteswissenschaftlicher Hinsicht.) Diese besagt, dass es durch die Übereinstimmung der Grundkonflikte aller Menschen überall auf der Welt zu einer natürlichen Übereinstimmung in Denkart, Glaube und Phantasie kommt. Dadurch würden sich, unabhängig voneinander, weltweit ähnliche Deutungen von Natur und menschlichem Miteinander ergeben. Das führt dann zur Bearbeitung ähnlicher Themenkomplexe wie: Glaube an Verwandlung und Zauberei, beschützende Tiere, Kannibalismus und Sexualtaten. Sogar Wilhelm Grimm zieht diesen Gedanken in KHM Band 3 bereits in Betracht.
Kritisiert wird die Theorie dahin, dass ähnliche Gedanken und Phantasiegebilde noch kein Märchen ergeben, welche oft aber in Einzelheiten, wörtlichen Ausdrucksformen oder auch als komplexes Ganzes starke Übereinstimmungen aufweisen.
Friedrich von Leyen vertritt in seinem Artikel “Zur Entstehung des Märchens“ die Theorie, dass der Ursprung der Märchenmotive in den Träumen der frühen Naturvölker zu suchen ist. Die Anfänge des Märchens entsprechen bei ihm den ältesten Vorstellungen über Traum und Wachen, Schlaf und Tod, welche die erklärungsbedürftigen Fragen der Naturvölker darstellen. Besonders lebhafte Träume werden immer wieder erzählt, verändert und weiter erzählt bis schließlich die Erinnerung an die Herkunft aus den Träumen verloren geht. Darauf folgt eine Professionalisierung des Träumens durch die Einnahme von Halluzinogenen oder durch starkes Fasten. Der Einfluss der Drogen spiegelt sich in der starken Präsenz von Motiven der Verwandlung von Mensch und Dingen und der Frage von Sein und Schein in den Märchen wieder.
Daneben gibt es noch eine Anzahl weiterer Theorien, wie z.B. die Megalithentheorie, in der man den Entstehungspunkt der Märchen in die Zeit und den Raum der Megalithkultur (4.000-3.000 Jahre v.Chr.) verlegt. Der Vorteil dieser Theorie ist, dass sie weder zu beweisen noch völlig zu widerlegen ist. Was zu gewissen Teilen auf die meisten Theorien bzgl. der Entstehung und Verbreitung von Märchen zutrifft.
Man kann ganz klar und eindeutig sagen: Man weiß es nicht. Alle Versuche, die Entstehungszeit der eigentlichen Märchen genau zu terminieren sind hypothetisch geblieben. Das ist nicht weiter verwunderlich, da alle Theorien lediglich auf Rückschlüsse und Schlussfolgerungen beruhen. Das hat seinen Grund u.a. darin, dass es keine eindeutigen, nachvollziehbaren schriftlichen Spuren gibt, die sich bis zu einem Ursprungspunkt zurückverfolgen lassen.
Halbwegs einig ist man sich darüber, dass die Spuren zahlreicher Märchenmotive in urtümliche Zeiten zurück führen. Selbst wenn sie dort nicht entstanden sind, enthalten sie oft Reste von urzeitlichem Gedankengut, wie z.B. totemistische Glaubensvorstellungen, bei denen zwischen Mensch und Tier (oder Gegenstand) eine mystische Verbindung besteht. Durchaus bis in den Tod hinein.
Obwohl der Ursprung vieler Märchen (bzw. ihrer Handlungsmotive) nur unzureichend geklärt werden kann, haben sie dennoch eine lange und wechselhafte Geschichte hinter sich. Aber auch diese Geschichte ist nicht frei von offenen Fragen, die teilweise leidenschaftlich diskutiert worden sind. Das ist auch kein Wunder. Rührt doch die Frage, ob Märchen nun vom einfachen Volk erdachte und mündlich überlieferte Erzählungen sind (oder nicht), an der Grundvorstellung vom Wesen des Märchens. Gerade an dieser Vorstellung sind die Brüder Grimm nicht ganz unschuldig. Aber beginnen wir soweit am Anfang wie möglich.
Die Existenz von Märchen im Altertum ist nicht nachweisbar. Allerdings finden sich auf Papyri aus dem alten Ägypten Geschichten mit märchenähnlichen Handlungsabläufen. Bekannt ist die um 1250 v.Chr. aufgezeichnete Geschichte von den Brüdern “Anup & Bata“, welche klassische Märchenmotive wie Hindernisflucht, Lebenswasser und warnende Tiere enthält. Bis ins Jahr 1000 v.Chr. zurückverfolgen kann man die Geschichte vom verwunschenen Prinzen. Diese beinhaltet märchenhafte Elemente wie Unheilsprophezeiung und eine in einem Turm eingeschlossene Prinzessin. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Volksmärchen, sondern vielmehr um für die gebildete Oberschicht geschriebene Erzählungen, welche das Gott-Königtum der Pharaonen illustrieren sollen. In der griechischen und römischen Literatur werden explizit Kinder- und Ammenmärchen erwähnt. Deren Inhalt ist jedoch weitestgehend unbekannt. Außerdem besitzen viele griechische Mythen einen märchenähnlichen Ablauf.
Auch im Mittelalter stößt man auf wenig Konkretes, jedoch immer wieder auf Spuren märchenhafter Elemente. Die altisländische Lieder- und Mythensammlung “Edda“ (13. Jhd.) enthält zahlreiche märchenhafte Motive. Aus dem frühen Mittelalter sind einige Schwankmärchen überliefert, die sich bereits in das noch heute gültige Aarne-Thompson-Typenverzeichnis eingliedern lassen. Im Artusroman “Perceforest“ taucht das Dornröschenthema auf und viele Ritterromane der Zeit nutzen das Märchenmotiv vom dankbaren Toten. Zur gleichen Zeit gelangen orientalische Erzählungen über Byzanz, durch die Mauren in Spanien und die Kreuzzüge nach Europa. Viele märchenhafte keltische Erzählungen spiegeln sich in der Artusdichtung wieder.
Im 14. Jahrhundert entsteht in Frankreich (oder den Niederlanden) die lateinische Versdichtung “Asinarius“, welche eine Geschichte nach dem Motiv des Tierbräutigams enthält (KHM 144). Der bekannte Märchenforscher Wesselski bezeichnet diese als wahrscheinlich erstes Märchen Europas. Er vermutet seinen Ursprung in Indien. Um 1560 taucht in den Erzählungen von Martin Montanus eine Erzählung namens “Erdkühlein“ (Aschenputtel) auf. Dort findet man auch eine Geschichte namens “Das tapfere Schneiderlein“.
So langsam wird es konkreter. In Venedig erscheint 1550 und 1553 die Erzähl-Sammlung “Ergötzliche Nächte“ von Giovanni Francesco Straparola. Diese enthält 73 (wohl überwiegend aus mündlicher Überlieferung stammende) Erzählungen. Davon sind 21 Märchen. Somit gilt Straparola noch heute als einer der ersten Märchensammler Europas. Unter anderem taucht bei ihm das “Märchen vom gestiefelten Kater“ (allerdings noch ohne Stiefel) auf. Die Erzählungen sind einfach und natürlich gehalten und stecken voller Derbheiten. Durch zahlreiche anzügliche Anspielungen auf den Klerus werden die “Ergötzlichen Nächte” früh zensiert. Diese Eingriffe reichen von kleinen Änderungen bis zur Streichung einzelner Geschichten. Später wird das bereits überarbeitete Buch sogar auf den päpstlichen Index gesetzt.

In den Jahren 1634/1636 erscheint in Neapel posthum “Das Pentameron“ des Schriftstellers Giambattista Basile. Die Sammlung enthält 50 Erzählungen, die für einige Märchen die älteste bekannte Vollform darstellen. Zu finden sind darin u.a. die Motive von “Schneewittchen“, “König Drosselbart“, “Tischleindeckdich“, “Aschenputtel“, “Rapunzel“ und dem “Gestiefelten Kater“.
Fast sechzig Jahre später gibt der französische Schriftsteller Charles Perrault eine Sammlung von acht Märchen heraus, die bis auf “Riquet mit dem roten Schopf“ als echte Volksmärchen angesehen werden. Diese veröffentlicht er 1696/97 (vermutlich aus einer gewissen Schamhaftigkeit gegenüber seiner seriösen literarischen und politischen Arbeit) unter dem Namen seines dritten Sohnes Pierre Perrault-Darmancour mit dem Titel “Geschichten oder Märchen aus vergangener Zeit, mit einer Moral“. Wichtigste Einflussquellen für diese Märchen sind die Veröffentlichungen von Straparola und Basile. Im Gegensatz zu den späteren Grimm begreift er sich aber nicht als Sammler, sondern als belehrender Unterhalter. Am Ende jeden Märchens steht deutlich sichtbar die Moral von der Geschichte (mitunter sogar zwei). Perraults Geschichtensammlung gilt als der Beginn der eigentlichen Märchensammlungen. Die Sammlung ist ein großer Erfolg (seit 1697 sollen über 500 Ausgaben erschienen sein) und Auslöser für den folgenden Märchenboom.
In den nächsten Jahren erscheint eine wahre Flut von Märchenveröffentlichungen. Darunter die den Volksmärchen ähnlichen Erzählungen der Mme d’Aulnoy. Überwiegend jedoch im galanten höfischen Stil erzählte, sogenannte Feenmärchen (z.B. von Jeanne-Marie Le Prince de Beaumont). Im Gegensatz zum Volksmärchen gehen hier fast alle Handlungen und Aktionen von einem hierarchisch organisierten Feenhofstaat aus. Weiter angeheizt wird der Märchenboom durch die Übersetzung einer aus dem 14. Jahrhundert stammenden arabischen Handschrift (und einiger mündlicher Erzählungen) mit dem Namen “Märchen aus Tausendundeiner Nacht“ durch Antoine Galland in den Jahren 1704-1708. Die Erzählungen werden durch ihn im Stil der Zeit überarbeitet und entschärft. Viele der bekanntesten Geschichten (“Sinbad“, “Aladin“) sind in der ursprünglichen Sammlung gar nicht enthalten und werden erst durch Galland eingefügt. Sie sind kommerziell so erfolgreich, dass es zur Mode wird im pseudo-orientalischen Stil zu schreiben.
Nach einer Anfrage des berühmten Frühromantikers Clemens Brentano, ob nicht jemand die Kasseler Bibliothek nach „alten Liedlein“ durchforsten und ihm evtl. kopieren könnte, wird Jacob Grimm zum Zuträger und quasi Mitarbeiter für Brentanos Liedersammlung “Des Knaben Wunderhorn“. Ausgehend von dieser Arbeit beginnen die Grimms eine eigene Volksliedsammlung anzulegen. Zusätzlich sammeln sie für ein von Brentano geplantes Märchenprojekt drei Jahre lang Märchen und Geschichten aus mündlicher Erzähltradition. Als aus dem Projekt nichts wird, setzen die Grimms ihre Sammeltätigkeit aus eigenem Interesse fort. Diese Sammlung veröffentlichen sie 1812 als ersten Band der “Kinder- und Hausmärchen“. Das Buch wird trotz des zeitgenössischen Interesses am Thema kein großer Erfolg. Von konkurrierenden Märchenherausgebern wird bemängelt, dass viele der Märchen nicht kindergerecht bzw. nicht kindergerecht bearbeitet worden seien. Während Jacob Grimm die Sammlung gegen die Vorwürfe verteidigt, den wissenschaftlichen Charakter der Sammlung betont und Märchen vor allem als Texte von Erwachsenen für Erwachsene versteht, gibt Wilhelm Grimm den Vorwürfen nach und lässt das bereits im 2. Band der “Kinder- und Hausmärchen“ 1815 mit einfließen. Nachdem sich die ersten beiden Bände mit einer Auflage von 800 Stück nur schleppend verkaufen, wird die kleine, preisgünstige Ausgabe mit 50 ausgewählten Märchen zum Erfolg. Noch zu Lebzeiten der Brüder folgen zehn weitere Auflagen.
Mit den Märchen der Brüder Grimm gelangte ein Großteil der bekannten Märchen in seine bis heute gültige Endform. Die große Sammlung wird insbesondere von Wilhelm immer wieder überarbeitet und umfasst in der sechsten und letzten Version aus dem Jahr 1850 210 Texte (inkl. den Kinderlegenden). Mit ihnen wird das Volksmärchen endgültig salonfähig. Die Brüder Grimm geben mit ihren Texten dem Märchen und seinem Ablauf eine genaue Definition (auch wenn der Märchenforscher Wesselski kaum 60 der 210 Texte als richtige oder eigentliche Märchen gelten lässt). Heute sind die “Kinder- und Hausmärchen“ (KHM) der Brüder Grimm das bekannteste und meistverbreitetste deutsche Buch. Durch den großen Erfolg erscheinen in vielen Ländern vergleichbare Sammlungen.
Obwohl spätestens mit den Grimms die mündliche Erzähltradition durch die Festschreibung und Übermittlung in gedruckter Form abgelöst wird, zementiert sich mit ihnen auch die Vorstellung vom Märchen als ursprüngliche Volkspoesie, welche über Generationen von Mund zu Mund weitergegeben wird. Die Brüder Grimm selber erwecken bewusst den Eindruck, ihre Sammlung wäre praktisch dem einfachen Volk abgelauscht und ohne inhaltliche Veränderungen niedergeschrieben worden. Heute weiß man, dass die Zuträger der Grimms weniger aus dem einfachen Volk, als vielmehr der gebildeten Oberschicht entspringen, welche sicherlich stark von Basile und Perrault geprägt worden sind.
Solche Erzähler sind auch viel eher in der Lage den Ansprüchen der Brüder an Form und Inhalt der Märchen zu entsprechen. Anschließend werden die Erzählungen noch einmal von den Brüdern (vor allem Wilhelm) überarbeitet und, wenn als notwendig erachtet, geglättet, bereinigt und einzelne Bruchstücke neu zusammengefügt. Was aus heutiger Sicht nach einem klaren Etikettenschwindel klingt, tun die Brüder jedoch mit der Überzeugung, dass erst durch diese Bearbeitung den Märchen ihre ursprüngliche Form zurückgegeben wird. Sie restaurierten die, nach ihrer Meinung, verfälschten Märchen und erstellten die authentische Fassung, wie sie ursprünglich vom Volk gemeint worden ist. Bis zu einem gewissen Grade sind die Überarbeitungen und Neu-Zusammensetzungen im 3. Band dokumentiert.
Der Widerspruch, dass sie dazu auf Informationen aus dem gebildeten Bürgertum zurückgreifen, scheint ihnen jedoch durchaus bewusst zu sein. So erfinden sie die Figur der rührigen Frau Viehmännin, einer einfachen Bäuerin, von der viele ihrer Märchen stammen sollen. Die Frau Viehmännin soll den Ursprung der Märchen in der Poesie des Volkes unterstreichen. („Einer jener guten Zufälle aber war es, dass wir aus dem bei Kassel gelegenen Dorf Niederzwehrn eine Bäuerin kennenlernten, die uns die meisten und schönsten Märchen des zweiten Bandes erzählte“ Vorrede zum 2. Band der KHM). In Wahrheit ist die Bäuerin die Frau eines Schneidermeisters und entstammt einer Hugenottenfamilie (also französischen Ursprungs). Jeden Vorwurf des zu starken redaktionellen Eingriffs, wie sie z.B. von Clemens Brentano geäußert werden, weisen sie entrüstet zurück. Dieses Vorgehen fundamentiert für lange Zeit die Vorstellung von den von Mund zu Mund weitergegebenen Märchen und den großen umherziehenden Märchenerzählern, die als liebenswerte Kauze (oft als Analphabeten beschrieben) hunderte von Märchen auswendig wiedergeben können.
Tatsächlich ist jedoch eine ausgeprägte, jahrhundertealte mündliche Erzähltradition nicht nachzuweisen. Was nicht heißt, dass es sie nicht gegeben hat. Eine mündliche Erzählung hinterlässt jedoch keine direkten Spuren. Und so gibt es Experten, welche die Möglichkeit einer mündlichen Erzähltradition vollkommen abstreiten und die genannten Volksmärchen nur als abgesunkene Hochliteratur verstehen. Mit anderen Worten: Nicht Basile hat Geschichten aus dem Volk in seinem Buch literarisch nacherzählt, sondern das Volk hat sich Basiles Geschichten nach Erscheinen zu Eigen gemacht und auf seine eigene Art und Weise weitererzählt. Beweisbar ist jedoch auch das nicht. Möglicherweise funktionieren die schriftlichen Fixierungen als eine Art Frischzellenkur, als Aufladestation für viele bekannte Märchenmotive und die Weitergabe und die Entwicklung der Märchen erfolgte über ein jahrhundertelanges Wechselspiel zwischen Literatur und mündlicher Erzählung.
Und so bringt ja auch erst die geschickte Überarbeitung der Märchenstoffe durch die Brüder Grimm diese in die endgültige Form, in der sie bis heute überdauert haben und nach wie vor populär sind. Auch wenn sie viele dieser Änderungen vornehmen, um darin ihre Vorstellung von der Funktion der Märchen besser zum Ausdruck zu bringen.
Wahrscheinlich sind sich die meisten Menschen darüber einig, dass Märchen eine Moral enthalten. Der Zuhörer – meist als Kind gedacht – soll nach dem guten Ende der Geschichte wieder ein Stück besser auf das Leben vorbereitet sein. Als Musterbeispiel wird oft das Märchen vom “Rotkäppchen“ genannt, welches die Kinder davor warnt vom geraden Weg abzukommen und den (sexuellen) Verlockungen des Verführers nachzugeben. Dabei wird jedoch übersehen, dass sich aus vielen Märchen beim besten Willen keine so vordergründige Moral herauspressen lässt. Die belehrende, phantastische Erzählgattung ist die Fabel. Märchen mit explizit belehrendem Charakter, wie “Rotkäppchen“ oder “Die sieben Geisslein“ gehören zu den so genannten Warn- und Schreckmärchen und sind wahrscheinlich von Ammen und Kindermädchen extra zu diesem Zweck erdacht worden.
Davon abgesehen dienen Märchen vor allem der Unterhaltung. Und zwar sowohl von Erwachsenen, als auch von Kindern. Erst durch das Eliminieren derber und brutaler ELemnte und Anspielungen durch Autoren wie Perrault oder den Grimms werden die Märchen zur Kinderlektüre. Die Literaten sind es auch (ob bewusst oder unbewusst), die versuchen, die Märchen jeweils in ihrem Sinne zu instrumentalisieren. Das wirkt in großen Teilen bis heute nach.
Die Märchen Basiles, welcher als Beamter an diversen süditalienischen und spanischen Höfen verkehrt, dienen noch der reinen Unterhaltung. Dargeboten werden Geschichten des ungebildeten Volkes, welche im Buch von zehn hässlichen, alten Weibern erzählt werden. Diese sollen die gebildeten adligen Höflinge mit exotischen und stellenweise anzüglichen Erzählungen unterhalten.
Ganz anders sieht es bereits bei Charles Perrault aus. Seine Märchen sind sowohl an Erwachsene und Kinder gerichtet. Für die Erwachsenen gibt es die betont ironische Seite mit erotischen und zeitgenössische Anspielunge. Aspekte, die den jüngeren Leser entgeht und an die eher der Warn- und Moralaspekt gerichtet ist.
Denn seit dem Ende des 16. Jahrhunderts erstarkt in Frankreich das Bürgertum und mit ihm verändern sich zunehmend die sozialen, politischen und religiösen Ansichten. Die neuen bürgerlichen Qualitäten hießen u.a.: Fleiß, Ehrlichkeit, Verantwortung und Askese. Um diese sozialen Normen umzusetzen, wird verstärkt mit literarischen Mitteln gearbeitet, um so den Zivilisationsprozeß im Sinne der bürgerlichen Schicht voranzutreiben.
Als angesehener Hofmann und Literat unterstützt Perrault den französischen politischen Absolutismus und will gleichzeitig mit seinen Märchen einen Beitrag zur Etiketten-Diskussion leisten und die Natur der Kinder regulieren. Auch wenn er die nachgestellte Moral oft von einem nicht ganz eindeutigen Augenzwinkern begleitet wird.
Zu diesem Zweck bedient er sich alter Volksmotive, ändert diese in seinem Sinne und passt sie dem Geschmack seines Zielpublikums an. Ihm geht es nicht um die möglichst originalgetreue Wiedergabe von verbreiteten Volksmärchen, sondern um das Aufstellen von Verhaltensregeln.
Die Brüder Grimm verstehen ihre Sammlung in den Anfangstagen vor allem als wissenschaftlichen Beitrag, denn als unterhaltende Kinderlektüre. Diese soll vor allem eine romantische, nationale Funktion erfüllen. Grundlage dafür ist die romantische Vorstellung vom Ursprung aller schöpferischen Kräfte in der Gemeinschaft, im Volksgeist. Diese Vorstellung verbindet sich mit der Sehnsucht nach dem Ursprunghaften in der Vergangenheit. Unter dem Eindruck der deutschen Befreiungskämpfe gegen Napoleon und der bürgerlichen Tendenzen zu einem neuen Nationalstaat gehen viele dieser romantischen Ansätze in einem neuen Nationalgedanken auf. So begreifen die Grimms ihre Märchen als Zeugnisse uralter gemanischer Mythen. In der Vorrede zu dem zweiten Band der KHM schreiben sie: „Alles, aber, was aus mündlicher Ueberlieferung hier gesammelt worden, ist sowohl nach seiner Entstehung als Ausbildung (…) rein deutsch und nirgendher erborgt (und enthält) lauter urdeutschen Mythos, den man für verloren gehalten.“ Darauf aufbauend entwickeln die Grimms ihre Märchentheorie und beginnen zunehmend den Ursprung ihrer Erzählungen zu verschleiern. Überlieferungen früherer Märchenerzähler werden “korrigiert“ und ihrer eigenen Vorstellung vom Märchen im romantischen Sinne angepasst.
Der Kritik über die unpädagogische Ausrichtung der KHM gibt Wilhelm rasch nach. Und so steht bereits in der Vorrede zur zweiten Auflage, dass die KHM auch als Erziehungsbuch dienen solle und das alle nicht kindergerechten Ausdrücke in der Neuauflage gelöscht wurden. Gleichzeitig betonen die Brüder jedoch weiterhin die Reinheit ihrer Texte.
Auch wenn Märchen vorrangig unterhaltende Funktion haben, heißt das nicht, dass sie ohne Aussage sind. Es gibt durchaus zahlreiche Märchen, die eine erzieherische Moral beinhalten. Oft wird Hilfsbereitschaft, ein reines Herz, sowie Fleiß und Bescheidenheit belohnt. Als oberste Qualität gilt die entschlossene Aktivität. Die Moral ist aber nur ein Teilaspekt des Märchens, so wie das Moralische auch nur ein Teilaspekt des menschlichen Wesens ist.
Kinder und Erwachsene scharen sich heute wahrscheinlich nur noch selten mit leuchtenden Augen und erwartungsfrohem Herzen um einen Märchenerzähler. Auch bei der Gute-Nacht-Geschichte dürften die Märchen durch allerlei andere populäre Kinderliteratur zurückgedrängt worden sein. Dennoch erfreuen sich die bekannten Märchenmotive einer großen Popularität. Neu nacherzählte und zusammengestellte Märchenbücher erscheinen fast wöchentlich und die große Anzahl von Märchenkostümen während des Karnevals zeugen von der ungebrochenen Beliebtheit der Märchenfiguren. Sie gehören fest zum erzählerischen Kanon unserer Gesellschaft und sind so fest in unserem Inneren verwurzelt wie wenig andere Geschichten.
Und das, obwohl viele Fragen über die Märchen, ihren Ursprung und ihre Verbreitung wohl im Verborgenen bleiben werden. Aber vielleicht ist es auch genau das, was sie bis heute über Generationen so faszinierend machen. Das sie, im Kern scheinbar losgelöst von Raum und Zeit, Geschichten von universellem Inhalt erzählen, in denen sich aber aufgrund ihrer unverschnörkelten Schlichtheit jeder wiederfinden kann. Und wer will nicht in einer Welt leben, wo die Dinge per Zauberei für einen gelöst werden? Und falls das Märchen in nächster Zeit nicht von übervorsichtigen Eltern zu Tode begradigt wird, kann man auch in Zeiten des Internets und Heimkinos weiter sagen: „… und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.“
Straparolas “Ergötzliche Nächte“ im Projekt Gutenberg.de
Basiles “Ergötzliche Nächte“ im Projekt Gutenberg.de
Charles Perrault im Projekt Gutenberg.de
Die “Kinder und Hausmärchen“ der Brüder Grimm im Projekt Gutenberg.de
Internetseite des Brüder Grimm Museums in Kassel
Internetseite des Brüder Grimm Museums in Kassel
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